Angelika Mandler | © Angelika Mandler

„Alles Walzer!“: Knigge für den Wiener Ball

06.02.2019

Alle Jahre wieder: Gleich nach den Weihnachts- und Adventmärkten, dem Neujahrskonzert und dem Ferienende rüstet sich ganz Wien für die Ballsaison. Bälle in Wien haben eine lange Tradition. Schon während des Wiener Kongresses im Jahre 1814 hieß es: „Der Kongress tanzt“. Allerdings arbeitete er damals auch, wie wir heute wissen. 


Der jährliche Wiener Opernball in der Staatsoper sorgt nicht nur in Wien für Ballfieber.

Wer heutzutage dieser festlichen Wiener Gewohnheit frönt, wird sich ungewöhnlich festlich gewanden, zuvor gut essen gehen und währenddessen – sofern leistbar - reichlich Schampus trinken. Weiters am nächtlichen Ball - Pflichtprogramm: Arm in Arm und möglichst elegant durch die schönsten Ball Locations Wiens zu promenieren, sich dabei den Mund über anwesende Promis oder Politiker zerreißen und zudem der Live-Musik lauschen. Es gibt also viel zu tun auf so einem Ball. Nicht unbedingt muss dabei auch getanzt werden: Das ist die gute Nachricht. 
Denn ansonsten gibt es sehr viel zu beachten, um nicht als absoluter Ball-Dummy dazustehen.

Termine der aktuellen Ballsaison und eine Last-Minute-Walzer-Anleitung findet ihr übrigens auf unserer Website!

Die Auswahl des richtigen Balls

Der Erfolg eurer persönlichen Ballnacht steht und fällt mit der richtigen Ball-Auswahl. Angebot gibt es in Wien genug: Hochherrschaftlich beim Opernball, mit den weltberühmten Philharmonikern im Musikverein oder doch eher „volksnah“ im Wiener Rathaus am Blumenball? Oder mit viel süßem Beiwerk mit den Zuckerbäckern abtanzen? Wenn ihr trachtenaffin auftreten wollt, schussfest seid oder eine besondere Zugehörigkeit zu einem österreichischen Bundesland empfinden, dann empfehle ich etwa Steirer- und Jägerball oder ganz exotisch: Der „Ball der Vorarlberger in Wien“.

Jede Berufsgruppe, jede Künstlerriege und jede Vereinigung pflegt in Wien einen eigenen Ball auszurichten. Wichtig sind dabei die Location, das Musikangebot, die Promi- und Künstlerdichte und natürlich: Der Preis – da müssen wir uns gar nichts vormachen, so eine Ballnacht kann schnell ins Geld gehen. Grundsätzlich gilt: Je elitärer die pompöse Location, desto höher der Ticketpreis. Außer für Studenten. Dann wird´s billiger – auch bei den großen Bällen.



 

Im Palais, im Schloss oder in der Oper?
Die Oper, die Hofburg und die Palais sind „once in a lifetime“ Locations für einen echten Wiener Ball, aber nicht ganz billig. Mit dem Ticketkauf ist es noch lange nicht getan. Dinner, Tischreservierung, Taxi, Drinks und Kostümverleih kommen hinzu. Und je nach Location sind auf einem Ball sogar die Würstel teuer.

Die Redoute und das Kränzchen
Die berühmte „Rudolfina Redoute“ ist seit 1899 ein Fixstern am Ballhimmel, denn: Maskenpflicht für die Dame! Wir sprechen hier aber nicht von simplen Faschingsmasken sondern von wunderschönen Larven für die Augen. Schlag Mitternacht fallen dann die Masken! Wer hingegen schon gegen 21 Uhr mit der Müdigkeit kämpft, der ist bei einem Kränzchen am besten aufgehoben: Die starten bereits gegen 17 Uhr und um Mitternacht ist Schluss mit lustig, sind aber genau so festlich.

Jedem sein Ball. Alternativ, hip oder sehr speziell.
Technoball, Flüchtlingsball, Veganball, Hip Hop Ball, Seniorenball, Diversity Ball, Chinesischer Neujahrsball, Bonbonball oder Diplomatenball, Weltraumball oder ein simpler Pfarrball. Alles tanzt in Wien: Ihr müsst bloß auswählen, wo ihr euch zugehörig fühlt. Nur beim „Akademikerball“ – da steckt was anderes dahinter, aber das könnt ihr dann ohnehin in der Tageszeitung nachlesen. 

Damenspende und Blumenschmuck
Ein Tipp an die weiblichen Ballneulinge: Eine „Damenspende“ ist kein Almosen, vielmehr eine kleine (oder größere, je nach Ball-Thema) Aufmerksamkeit für die Dame. Für den üppige Blumenschmuck im Ballroom hingegen gilt: „Keine freie Entnahme“. Es sei denn, es wird euch beim Nachhausegehen explizit angeboten und zwar nicht von eurer Begleitung.


So nicht: Eine schwarze Fliege ist ein No-Go.

Ballmode für euch und eure charmante Begleitung

Ihr wollt auf einen „typischen“ Wiener Ball gehen? Dann solltet ihr zu allererst akribisch euer Outfit planen: Die Kleidungsvorschrift steht schon in der Ball-Einladung, die es genau zu studieren gilt. Hier darf man sich keine, wirklich keine Interpretationsfehler leisten. Oder wollt ihr allein vor den Pforten der Hofburg stehen bleiben, während drinnen alles feiert?

Zugegeben, die ausgeschriebenen Bekleidungsrichtlinien in den Balleinladungen wirken auf den ersten Blick oft etwas, nunja, abschreckend. Denn: „Das Ballkomitee behält sich das Recht vor, bei nicht entsprechender Kleidung den Eintritt zu verwehren“, und das tut es auch. Dann solltet ihr ein Alternativabendprogramm parat haben.

Bodenlang ist bodenlang und nicht knöchellang oder kurz
Die Länge der Robe ist niemals Auslegungssache und kann in keinem Falle diskutiert werden. Studiert die Einladung genau: Bodenlang ist Ihr Kleid dann, wenn nur die Schuhspitzen darunter hervorlugen. Knielang, weil ihr es euch leisten könnt? Gerne am Zeltfest, aber never ever auf einem Wiener Ball.

Große Ballrobe oder Abendkleid
Eine „große Ballrobe“ besticht durch Tüll, Spitze, Brokat oder Seide und viel Ausschnitt obenrum und ist IMMER bodenlang. Gerne mit Stola, langen Handschuhen und Lackschuhen zu tragen. Weiß ist ein absolutes No Go, wenn ihr nicht Debütantin, peinliches IT-Girl oder deutlich unter 16 seid. Ein Abendkleid kann einfacher sein, aber bei „bodenlang“ gibt es einfach keine Diskussion.

Smoking, Frack und Kummerbund
Ein Ball ist der einzige Ort der Welt, an dem ein Herr im Frack nicht als Ober, Pinguin oder aktiver Neujahrskonzert-Philharmoniker durchgeht. Es sei denn, er trägt den falschen, nämlich schwarzen Schlips dazu – dann ist der Abend für ihn aber sowieso gelaufen. Der Smoking hingegen steht und fällt mit dem Kummerbund, hier dürft ihr ruhig Farbe zeigen!

Für Herren: Die Sache mit der Taschenuhr und der Geldbörse.
Armbanduhren sind verpönt, empfohlen wird die Mitnahme einer Taschenuhr (!), die jedeoch heutzutage nicht zur Grundausstattung eines Durchschnittmanns gehört. Deswegen: Vergesst einfach die Zeit – eure schmerzenden Füße werden euch die rechte Zeit schon weisen. Verzichtet auf die pralle Geldbörse, nehmt stattdessen einen Clip mit vielen großen Scheinen. Ihr werdet sie brauchen.

Für Damen: Die Sache mit den Strümpfen und der Handtasche
Wer gewohnt ist, stets sein Hab und Gut in großen Handtaschen mitzuschleppen, wird am Ballabend verzagen: Balltäschchen sind meist so klein wie Smartphones. Das wirft viele Probleme auf und für die gibt es einfach keine empfehlenswerte Lösung. Nicht mal für eine Zweit-Strumpfhose ist Platz. Aber: Lieber Laufmasche als nackte Beine.

Die Ballrobe könnt ihr ausleihen, gutes Benehmen nicht.

Elegant, gesetzt und möglichst aufrecht: So solltet ihr jeden Ballroom betreten. Betonte Lässigkeit und cooles Geschlurfe machen sich in Abendroben und Smoking ganz besonders schlecht. Kinn rauf und Brust heraus: Ihr seid auf einem Wiener Ball und nicht mit euren Spezis beim Würstlstand – der kommt erst später dran.

Für Damen: Nutzt jeden Arm, der sich euch bietet.
In der Ballnacht dürft ihr ein wenig hilfesuchend tun, so emanzipiert ihr auch sonst durchs Leben schreiten mögt. Im ungewohnt ausladend langen Kleid hat schon so manche einen unschönen Sturz über den Red Carpet hingelegt. Also: Den einen Arm dem Herrn anvertrauen und mit der anderen Hand stets das Kleid raffen.

Einen Korb geben? Ja, aber nur dem Herrn. 
Grundsätzlich haben die Damen die Wahl, ob Sie eine Tanzaufforderung annehmen oder nicht: Wenn euch ein tanzwütiger Kavalier also nicht zusagt, dürft ihr ablehnen. Im Gegenzug darf aber kein Herr der Welt eine Tanzabfuhr erteilen – wenn er es doch tut, dann ist er ein ungehobelter Geselle und hat keine blasse Ahnung von Ballknigge.

Der berühmte Drehwurm 
Gerade wenn ihr kein begnadeter Könner beim Wiener Walzer sein solltet und das Temperament bei „Wiener Blut“ aber doch mit euch durchgeht: Bevor der Drehwurm dich erfasst und ihr paarweise zu Boden geht, fixiert beim Drehen einen Fixpunkt im Saal oder wechselt die Richtung. So ähnlich wie beim Autodromfahren im Prater!

Mitternachtsstunde:  Quadrille Tanzen & die ersehnte Stärkung abholen
Auch wenn ihr zunächst skeptisch seid: Macht zur Geisterstunde beim lautstarken „Quadrille“ – Tanzen mit. Alles, was ihr tun müsst, wird euch angesagt und die anderen können es auch nicht besser. Und wenn ihr nach dem Ball in Smoking und Abendkleid am Würstlstand steht, werdet ihr merken: Niemals schmecken die Würstel besser als nach einer durchtanzten Nacht!

Tanzen können ist kein Muss, Spaß haben schon.
Warum ihr auch auf einen Ball gehen könnt, ohne einen einzigen korrekten Tanzschulschritt zu beherrschen? Weil die Menschenmassen eine komplexe Foxtrott-Kombination oder ausladende Chacha Schritte ohnehin unmöglich machen werden. Schunkelt oder walzt Sie (das werdet ihr ja wohl noch können) – Hauptsache, ihr seid dabei!
 

Autor

Angelika Mandler

Angelika Mandler | © Angelika Mandler

Die Weinviertlerin Angelika Mandler-Saul ist Reisebloggerin und freie Autorin und schreibt seit 2013 auch auf ihrem Reiseblog www.wiederunterwegs.com über ihre Erlebnisse und Eindrücke beim Unterwegs Sein in aller Welt. Focus: Natur & Kultur.  Immer öfter ist sie dabei in Begleitung ihres kohlrabenschwarzen Labradors Coffee, der ebenfalls für viele Geschichten gut ist. 
Besonders gerne ist Angelika aktiv in heimatlichen Gefilden in Österreich unterwegs und bringt dabei ihre Vorliebe für österreichische Geschichte und Literatur, das Reisen und das Schreiben unter einen Hut. Eben Reisen mit Kultur. 
 

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